Der Mann,
der vergewaltigt wurde
Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-8-1
9,90 Euro (D)
Inhalt, kurze Auszüge
Regula Buder: Die wirklich großen Ereignisse
Wir sitzen hier zusammen und warten. Und wenn wir müde werden, sitzen wir nur noch oder gehen schlafen. Wir warten auf die großen Ereignisse, das heißt, ich warte, und der Karl, mein Mann, der leistet mir Gesellschaft. Wenn ich ihn etwas frage, grinst er mich an. Karl ist zufrieden, sein großes Ereignis ist wohl schon eingetreten. Vielleicht an dem Tag, als er beschloss, sich nicht mehr an mich zu erinnern ...
Manfred Schröder: Tuomas
Tuomas schoss den Stein durch ein imaginäres Tor. Volltreffer! Er wollte schon zum zweiten Schuss ansetzen, doch er hielt inne. Der Gedanke an Mamma war stärker als die Fußballweltmeisterschaft in seiner Phantasie. Er trug die neuen Schuhe heute zum ersten Mal. Und er kannte Mammas Wutausbrüche. Zwar kurz, aber nicht ungefährlich. So verzichtete er auf das Goldene Tor und war mit ...
B. Richard: Verwischte Bilder
Das Pflegeheim macht einen angenehmen Eindruck. Zumindest gibt es auf den ersten Blick keine muffigen Klischees zu entdecken, aus denen üblicherweise sich in Bestürzung suhlende Fernsehreportagen zusammengemixt werden. Jene, in denen verwelkende Menschen wie Zombies durch trostlose Gänge tippeln, auf der verzweifelten Suche nach dem Weg aus der Kameraeinstellung ...
Christof Ropertz: Der Feen-Agent
Das Telefon klingelt. "Glaubst du an Feen?", fragt mich eine weibliche Stimme. "Wie bitte?" "Glaubst du an Feen?", fragt sie erneut. "Wie meinen Sie das?" "Nun, die Frage ist doch wirklich nicht kompliziert: Glaubst du an Feen?" "Nein", antworte ich. "Dann schau doch bitte einmal unter deine Fußmatte." Bevor ich noch etwas erwidern kann, ist die Verbindung unterbrochen. Nachdenklich ...
W. Brenner: Der Tod, der Selbstmord und das Leben danach
Jeder Tag hat seinen eigenen Geruch. Dieser riecht nach Weizenfeldern, in denen der Wind Wellen aus reifem Korn vor sich her treibt, und den Feldblumen, die an den Wegrändern gedeihen. Er riecht nach Trockenheit und dem Staub, den unsere Schritte aufwirbeln, nach der Sommerhitze, die prickelnd auf meinem Gesicht liegt. Insekten summen durch die Luft, seit langer Zeit höre ich wieder das Zirpen ...
István Kalász: Der Himmel dazwischen
P., mein bester Freund, und ich, wir haben uns vorgenommen, dass wir ein ganzes Jahr lang nicht weinen würden, und so wurde es. Zwölf Monate später dachten wir, das Jahr sei vorbei und in dieser Zeit wären wir stärker, klüger geworden, und niemand könnte uns erniedrigen. Wir haben nicht geweint. Nicht in der Schule, nicht zu Hause, wo unsere Väter mit dem Gürtel auf uns einschlugen ...
Felix Clervaux: Der Mann, der vergewaltigt wurde
Sie war mir sympathisch, mehr aber auch nicht. Weil mir danach war, lud ich sie zu einem Getränk ein. Sie saß mit gespreizten Beinen auf dem Barhocker neben mir und lächelte vor sich hin. Dann drehte sie sich mir zu. Ihr Blick wanderte nach dort unten, und als sich ihr Kopf wieder hob, sah sie mir direkt in die Augen. Ich verstand nicht. Oder wollte nicht verstehen. Sie erzählte von ihrem prüden Elternhaus ...
Christiane Stüber: Henriette
Henriette war seit jeher stolz auf ihre gute Haltung. Schon in ihrer Jugend hatte der Vater sehr auf einen aufrechten Gang geachtet. Er hatte sie den Spazierstock oder einen Regenschirm ins Kreuz legen lassen, wenn sie gemeinsam im Tiergarten spazieren gingen. Natürlich waren sie nicht nur zur Belustigung im Park herumflaniert. Der Vater hatte sie lateinische und griechische Sprüche aufsagen lassen ...
Josef Haider: Die gar nicht mal so traurige Geschichte vom Puzzlebauer, der ...
K. findet abends nur schwer Schlaf. Er hat ein Alter erreicht, in welchem der Körper nicht mehr so viel Schlaf braucht. Seit dem Tod seiner Frau drückt ihn zusätzlich die Einsamkeit. Er verbringt viele Abende damit, alte Bilder anzusehen. Bilder, die von seinem Leben erzählen. Einem Leben, das so nie mehr wiederkehren wird. Er hat oft gehört, er solle die Zeit sinnvoller nutzen und nicht nur ...
Susanne Weinhart: Vermächtnisse
Ich wusste nicht, ob ich meine Eltern vorbereiten sollte. Die ganze Fahrt nach Regensburg kämpfte es in mir, schlugen ein paar aufgepumpte Bälle gegen mein Gewissen, dieses mit den Jahren immer großmaschigere Tornetz. Allerdings traute ich meinem Großvater alles zu. Auch, dass er mich angelogen hatte. Foul an der Mittellinie quasi. Es war schneeflockenstill im Auto, zu still für ....
Karin Reddemann: Onkel Hartmut kommt
Sie hatte mir von ihm erzählt. Während sie besticktes Leinen für meine Großmutter faltete, die seit zwanzig Jahren im Keller die gute Wäsche des Niederflözener Mittelstandes mangelte, trank sie Aufgesetzten, schob mir saure Beeren in den Mund und versuchte, mir Angst zu machen. Mit üblen Geschichten über Onkel Hartmut, die ich grundsätzlich hören wollte und manchmal doch eher ...
Christian Heynk: Scharlachroter Honigesser
Friedrich war schon immer ein Fischnarr gewesen. Schon zur Schulzeit war er nach dem Ertönen der Glocke nicht nach Hause gelaufen, sondern an den nahe gelegenen Weiher, wo er im Gestrüpp seine selbstgebastelte Angelrute versteckt hatte. Er fing Fische, er kaufte sich von dem wenigen Taschengeld, das er bekam, Bücher über Fische, und leider roch er manchmal auch nach Fisch ...