Leseproben
Mit Fahrrad, Freund und sechzig Mark in den Orient
Seit Jahren ist es meines Herzens Wunsch und Sehnsucht, den Orient, von dem ich schon so viel gelesen habe, persönlich kennenzulernen. Längst habe ich dazu allerlei Vorbereitungen getroffen.
Jetzt ist der Wunsch zum Entschluss gereift.
Auch die vielerorts ausgebrochenen Unruhen können mich nicht mehr zurückhalten.
Überall ist Kriegsgeschrei …!!!
Aus Bulgarien hören wir Putschversuche, die Türkei meldet Anschlag auf Kemal Pascha, Griechenland hat große Revolution, Italien beginnt den Kolonialkrieg gegen Abessinien, drüben in Ägypten sind Unruhen und Schießereien, auch in Palästina und Syrien ist kein Frieden.
Kurz und gut: Alles ein Hexenkessel!
Und mitten hinein geht meine Fahrt. Jedoch keine Fahrt als Salonreisender. Keine Luxuszüge, keine modernen Autos sollen mich befördern. Elegante Schiffskabinen werden mir fremd bleiben, ebenso die vornehmen Hotels.
Wenn ich von der Welt und ihren Bewohnern etwas sehen und hören will, muss ich mich von vornherein auf eine einfache Lebensweise einstellen, um möglichst Land und Leute wirklich kennenzulernen.
Der Entschluss ist bald gefasst: Ich nehme ein Fahrrad!
Die äußerst schwierigen Vorbereitungen sind beendet. Nun wird gepackt: Ersatzteile für das Fahrrad, Reservekleidung und Wäsche, reichlich Medizin und ein Zelt mit Gerät.
Im Fegefeuer der Wüste
Zwei Uhr nachmittags - ich atme auf. Ist es die Erwartung, bald das ersehnte Ziel erreicht zu haben, oder eine Beklemmung, dass etwas bevorsteht?
Kurz darauf kommt eine ganz leichte Brise, die ich mir wohlig über Gesicht und Haare streichen lasse. Auf dem Boden spielt das harmlose Windchen mit dem leichten Wüstensand und formt allerlei Figuren und Arabesken. Während ich noch über die geschickte Meisterhand des Windes staune und alle möglichen Dinge und Gegenstände in den Formen zu erkennen suche, nimmt der Wind von Sekunde zu Sekunde an Stärke zu. Die eingeborenen Mitfahrer vertauschen ihre Schweigsamkeit mit lautem Geschimpfe - ihre Augen suchen unstet die Umgebung und den Himmel ab. Dann, ehe wir uns versehen, wird es dunkel und dunkler um uns her.
Mit einem laut quietschenden Ruck hält unser Fahrer und springt aus dem Wagen, desgleichen unser Wüstendiener. Eilig schnüren sie eine Menge Decken um den Motor herum und verwenden sogar zusätzlich noch einige ihrer eigenen Kleidungsstücke. Der Wind hat sich inzwischen zu einem rasenden Sturm verstärkt und peitscht eine staubgeschwängerte Windsbraut nach der anderen vor sich her. Und nun sitzen wir auch schon inmitten eines gewalttätigen Sandsturms! Für uns gibt es jetzt nur eines: Sofort und unaufhörlich weiterfahren - nur nicht stehen bleiben, sonst sind wir verloren.
Sepp und ich können es kaum aushalten. Wie Hagelschlag prasseln die feinen Sandkörnchen gegen die Wagenscheiben. Die geschlossenen Augen haben wir voll feinem Sand, ebenso die Nase, vor die wir krampfhaft ein angefeuchtetes Taschentuch pressen. Es beißt und juckt uns überall - in Augen, Nase, Ohren, Mund, überhaupt in jeder Pore. Dazu kommt, dass der Samum nicht etwa abkühlend wirkt, wie das erst schien. Im Gegenteil, es ist ein regelrechter "Haua Schargi", der aus Osten kommende, heiße Wind, der sich mit wahrer Höllenglut auf uns herabstürzt. Man kann nicht einmal mehr schwitzen, denn selbst der dickste Schweißtropfen wird von dem höllischen Wind, der bis ins innerste Mark eindringt, förmlich hinweggesengt. Um uns her scheint finstere Nacht zu sein. Wie gigantische Gespenster rasen die hochgewirbelten Sandhosen über das Wüstenmeer. Manchmal versuche ich, die Augen ein wenig zu öffnen, schließe sie aber vor beißendem Schmerz gleich wieder. Dann wundere ich mich, wie es unserem Chauffeur und dem neben ihm sitzenden Wüstendiener möglich ist, die Augen noch so weit offen zu halten, dass er in diesem Tempo fahren kann. Wir werden im Wagen wie Kartoffelsäcke durcheinandergeschüttelt. Aber jeder erfahrene Wüstenfahrer weiß, dass ein Halten im Sandsturm für ihn zum tödlichen Unglück werden kann. Wie Schneelawinen vermag der Sandsturm sogar Menschen unter sich zu begraben. - Unser Fahrer fährt nicht nur um unser, sondern auch um sein eigenes Leben zu retten …
Eine Viertelstunde mögen wir so dahingerast sein, als der Motor plötzlich einige Takte aussetzt - noch ein paar Sekunden - dann steht er still. Motor-Panne!
Entführt - vergiftet - und doch gerettet
Ein diamantbesäter Himmel wölbt sich über uns, als wir in der Eisenbahn sitzen, die uns gen Norden nach Kerkuk bringen soll. Noch einmal blitzen die zahlreichen Kuppeln Bagdads golden auf und winken uns einen Abschiedsgruß zu.
Unsere Reisegefährten in der dritten Klasse bestehen aus einem Gemisch von finster unter ihrem dunklen Turban hervorblickenden Kurden und Arabern, die uns mit ihren kalten, wenig vertrauenerweckenden Blicken durchbohrend mustern. Uns muss das kalt lassen, denn das Wichtigste, wenn auch Schwierigste, war und blieb für uns, in irgendeiner Weise mit den Kurden in nähere Fühlung zu treten, sollte unser Plan nicht schon von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Die arabische Sprache beherrschen wir jetzt schon ganz gut, aber zwischen den Arabern und Kurden besteht nicht nur ein gewaltiger Rassenunterschied, auch die arabische Sprache ist den Kurden völlig volksfremd. Wir müssen nun also Kurdisch lernen.
Uns gegenüber sitzt ein besonders finster dreinblickender Geselle. Er hat seine Hose ausgezogen, sie auf der Bank ausgebreitet und verrichtet darauf kniend sein Abendgebet, das Gesicht gen Mekka gekehrt. Aus der Ferne hören wir noch den Muezzin sein "La illallah, illallah Muhmeddin resullillah" rufen. Lange betet unser Gegenüber, denn er ist offensichtlich ein Hadschi (Mekkapilger), der sein Gebet viel länger auszudehnen hat als ein gewöhnlicher Muselmann.
Erfrischend weht uns ein kühles Abendlüftchen ins Gesicht. Dann verschwindet langsam die Märchenstadt Bagdad am Horizont.
Als der fromme Mann sein Abendgebet beendet hat, lachen wir ihn einmal so recht herzlich an und reichen ihm eine Zigarette. Schweigend, ohne eine Miene zu verziehen, nimmt er sie und zündet sie an. Unser Angebot hat ihn nicht freundlicher gestimmt. Sein eiskalter Blick trifft uns aus blitzenden Augen. Wir übersehen das geflissentlich, denn wir wollen ihn unbedingt zu einem Gespräch mit uns bewegen. Ich deute nun auf den aus seinem breiten Lendengurt hervorlugenden Dolchgriff. Unser unfreundliches Gegenüber fletscht jetzt seine schneeweißen Zähne und bringt höhnisch lächelnd ein mehr als ellenlanges, furchtbar breites Messer in schön geschwungener Form zum Vorschein. Sepp und ich erbleichen vor Schreck, als er es zum Spaß gegen uns führt. Es überläuft uns ein unheimliches Gruseln, als wir von dem haarscharfen Messer in die kalt bleibenden Augen des Mannes blicken.
Beim König der Kurden
Der hohe Gebieter saß uns während dieses Vortrages, der etwa zwei Stunden in Anspruch genommen hatte, würdig und schweigsam gegenüber. Nur mit seinen unergründlichen, gebieterischen Augen, denen wir aber ebenso ernst begegneten, musterte er uns forschend. Bevor wir sodann zum letzten Schlag und eigentlichen Grund unseres Besuches ausholen, bitten wir den Scheich, um ihn doch wenigstens einmal zum Sprechen zu bringen, er möge uns etwas über sein starkes, stolzes Volk erzählen.
Tatsächlich lüftet sich allmählich und immer mehr der Schleier über seiner eisigen Verschlossenheit. Mit ernsten, aber gütigen Blicken begegnet er uns, und dann geschieht das Merkwürdige, nämlich eine vollkommene Wandlung dieses Königs der Kurden. Er redet warm und immer wärmer werdend, zum Schluss mit heißer, inbrünstiger Liebe, über sein bedrücktes und nach Freiheit dürstendes Volk und über seine wilde, wunderschöne Heimat.
So hören wir die ganze kurdische Geschichte, wie sich der damals kleine Stamm vor Tausenden von Jahren - die Kurden selbst halten sich ja für direkte Abkömmlinge von Noah - in jener Bergwildnis, die durch ihre natürlichen Schutzwälle fast unbezwingbar ist, angesiedelt habe und heute zu einem Volk von etwa hunderttausend Kriegern angewachsen sei. Doch sei dies nur der kleinste Teil der Kurden. Insgesamt zähle man heute schon viereinhalb Millionen, die jedoch über das eigentliche Kurdistan hinausgewachsen seien. Während früher das ganze Gebiet Kurdistans ein einheitlicher Staat war, so erzählt der König, habe es später einen großen Teil des Landes eingebüßt durch fremde Nationen, die mit modernen Waffen kamen und Stück für Stück an sich rissen. Der größte Teil Kurdistans kam zur Türkei mit den Wilajets Diarbekr, Bitlis, Mamurat el Asis und einem Teil von Erzerum. Der Süden wurde dem französischen Mandatsgebiet Syrien zugeschlagen, und einen Teil erhielt der englische Irak. Der Osten wurde persisch. Ferner liegt noch ein Kreis des transkaukasischen Rätestaates Aserbeidschan am nördlichen Rande Kurdistans. Am Anfang dieses Jahrhunderts habe er einen erbitterten Kampf mit den Engländern führen müssen, die den Rest seines Landes vollends zum Irak schlagen wollten, weil sie danach getrachtet hatten, das "Gold des Landes", die riesigen Petroleumfelder bei Kerkuk, in ihren Besitz zu bekommen. Wie ein Löwe habe er selbst an der Spitze seiner tapferen Mannen gegen die ungeheure Übermacht der Engländer und Araber in dem großen, breiten Tal vor den Grenzbergen des eigentlichen Inneren, zwischen Kerkuk und Suleimanie gekämpft und habe seinen Gegnern schwere Verluste beigebracht. Er persönlich hätte auch noch lange nicht nachgegeben, sondern hart gekämpft. Dann aber hätten die Engländer ihm ein Friedensangebot gemacht, in dem sie ihm und den Kriegsführern große Summen Geldes zahlen würden, wenn er die Feindseligkeiten einstelle, er selbst nach Bagdad übersiedle und gestatte, dass die Araber nach Suleimanie Polizei und Militär legten.
Als Gast des Königs in seinem verschlossenen Land
Etwas ganz und gar nicht Romantisches begegnet mir hier in der noch bis heute geübten grausigen Sitte der Blutrache. Während wir einmal geruhsam auf dem Dach beisammensitzen, kommt plötzlich in fliegendem Tempo ein jüngerer Kurde durch die Dorfgassen gerannt. Er ist in Schweiß gebadet. Nach wenigen Augenblicken steht er vor uns, fällt vor Schuach Maschid nieder und küsst die Erde vor ihm. Schuach Maschid bietet ihm Platz an, lässt ihm Tschai bringen und fragt nach seinem Begehr. Mit flehenden, flackernden Augen bittet er Schuach Maschid, ihm zu helfen und ihn zu schützen.
"Während du hier in Haladin bist", erwidert der Banditenführer, "soll dir kein Haar gekrümmt werden, dein Leben schütze ich mit meiner eigenen Hand!"
Und nun erzählt der Kurde, der aussieht wie ein fast zu Tode gehetztes Wild, er sei mit einem Nachbarn, der ihm viel Geld schulde, in einen Wortstreit geraten, und schließlich hätten sie sich beide geschlagen. Das Schicksal - Allah ist mein Zeuge - habe dann gewollt, dass er seinen Schuldner so unglücklich auf den Kopf getroffen habe, dass jener tot zusammengebrochen sei. Seither sei er nicht weniger als neun Tage auf der Flucht vor dem Bruder des Getöteten, der an ihm Blutrache nehmen wolle.
Noch nicht lange war der Flüchtling bei uns angekommen, als auch schon der Verfolger eintrifft. Sein guter Spürhund hatte die Fährte des Fliehenden aufgenommen und richtig hierher gefunden. Dass er jedoch hier in Haladin seinem Feind nichts anhaben darf, ist ihm sicher bewusst. Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die Sache weiter entwickeln wird. Im Laufe der nächsten Stunden treffen auch die Verwandten der beiden Feinde ein, die sich jetzt mit grimmigen Blicken gegenübersitzen. Wie es nicht anders zu erwarten ist, folgen nun die üblichen Verhandlungen, denen der Banditenführer stillschweigend zuhört.
Der Bluträcher fordert als Blutgeld die ungeheure Summe von achtzig Pfund, nach deren Bezahlung der Totschlag als erledigt gelten solle. Da jedoch der arme Kerl diese Summe unmöglich aufbringen kann, ist er sich darüber im Klaren, dass er wohl die längste Zeit gelebt haben werde, sollten die Verhandlungen ergebnislos verlaufen. Darum bietet er das an, was er aufzubringen vermag - nämlich fünfzehn Pfund. Die Antwort hierauf ist nur höhnisches Lachen. Auch die dazu angebotenen Grundstücke werden abgelehnt.
Schuach Maschid blickt immer noch wortlos auf die Streitenden.
Wie sich im Laufe der Verhandlungen herausstellt, besitzt der Verfolgte eine überaus schöne Schwester, die der Bluträcher schon einmal von ihm kaufen wollte, aber nicht bekam, weil er als ein roher und grausamer Mensch bekannt war. Vorsichtig tastet er sich nun wieder in dieser Richtung vor, aber mit einem feurigen Blick und einem leidenschaftlichen "Nein!" bricht der schöne, junge Kurde sofort die Verhandlung ab. Komme was wolle, aber lieber wolle er selbst sterben, als seine schöne junge Schwester diesem Rohling als Blutpreis zu geben. - Ich beobachte Schuach Maschid, der den letzten Verhandlungen mit besonderem Interesse folgt. Mir imponiert der junge Mensch, der so warm für das Schicksal seiner Schwester eintritt.
Wenn es sich um eine Frauenfrage handelt, kann man den faulsten Orientalen auf die Beine bringen. Das weiß der Banditenführer sehr wohl. Er entlässt deshalb die feindlichen Sippen und lässt jeder der beiden Gruppen ein Haus zum Übernachten anweisen. Er selbst bürgt für den Verfolgten, dass er nicht entfliehen werde.