Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten
Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-939937-05-0
Leseproben
Alekseij Upatov: Mein Berg
Ich habe meinen Vater schon immer gehasst. Vielleicht nicht seit ich denken kann, aber seit ich anfing Fragen zu stellen. Fragen wie "Warum gehst du nicht zur Arbeit?" oder "Warum bist du so böse, wenn du abends nach Hause kommst?".
Immer wieder bekam ich dieselbe Antwort: "Manche Fragen sind schöner als Antworten."
Ich verfluche diesen Satz. Meine gesamte ruinierte Jugend lang hat er mich begleitet. Die Faulheit und Nutzlosigkeit meines Vaters entschuldigend. Aber er hat mich auch geprägt, mich geleitet. Ich habe mich so stur dagegen gewehrt, auch nur einen Funken Wahrheit in ihm zu sehen, dass ich mein Leben dem Gegenbeweis gewidmet habe.
So reise ich schon seit über zehn Jahren durch Russland und schreibe Berichte. Berichte von Orten, die so stark vom Aberglauben durchtränkt sind, dass sich inzwischen niemand mehr fragt, warum sie so unheilvoll sein sollen.
Vieles habe ich auf meinen Reisen gesehen. Mütterchen Russland ist in manchen Gegenden so zurückgeblieben, wie es sich im Westen wohl kaum jemand vorstellen könnte. Wir schossen den ersten Menschen in die Umlaufbahn der Erde und gleichzeitig wurden in einigen Dörfern immer noch Hexen verbrannt. Man glaubt es kaum, aber gerade im Norden sind Scheiterhaufen auch heute noch, im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts, kein seltener Bestandteil eines Dorfes.
Mir wird immer noch schlecht, wenn ich an meine letzte Reise denke. Troetskoe, eine 400-Seelen-Gemeinde, die angeblich Probleme mit sogenannten "Oborotney", Dämonen in Menschengestalt, hatte. Man schrieb mir, dass der letzte Vorfall vor gerade erst drei Wochen stattfand.
Es hatte einige Zeit gedauert, bis ich ein paar Einheimische dazu gebracht hatte, mit mir darüber zu reden. Die Leute waren simpel, simpel und unglaublich dumm. In einer Kneipe hatte ich einige Bauern zu mehreren Runden eingeladen. Als es spät wurde, musste ich das Thema nicht mal selbst ansprechen. Einige waren selbst dabei gewesen und prahlten regelrecht damit. Als ich begriff, was da passiert war, stürzte ich nach draußen und musste mich übergeben.
Bei einer Familienfeier wurde zu später Stunde ein schweinischer Witz erzählt. Ein einjähriges Kind saß mit am Tisch. Die Stimmung war ausgelassen, der Witz kam gut an und alle brachen in Lachen aus. Mitgerissen von der guten Laune fing auch das Kind an zu lachen. Und da kriegten es die betrunkenen Dörfler mit der Angst zu tun. Das Kind konnte ja noch nicht mal richtig reden und von Sex verstand es erst recht nichts. Für sie war die einzige Erklärung für das Lachen, dass das Kind in Wirklichkeit ein Dämon in Menschengestalt war, ein Oborotney. Sie warfen es noch am selben Abend in den Kamin.
M. Gregory Pärm: Wir sind die Toten der Nacht
Gott wird mich dafür bestrafen, dass ich das brach, was die Spanier "El silencio de los muertos" nennen. Das Schweigen der Toten. Mit meinem eigenen Blut störte ich ihre Ruhe, und nun bin ich selbst ruhelos und für immer verloren im Reich zwischen Dämmerung und Schatten.
Fiora trug ein rotes Kleid.
Als ich sie zum ersten Mal sah, saß sie am Tresen einer Bar auf der Plaza de la Merced in Málaga und blickte mich über ein Glas Rotwein hinweg an. Heute weiß ich, dass sie mich von Anfang an auserkoren hatte. Sie war schon immer mein blutroter Schatten gewesen, lange bevor ich sie kennenlernte. Heute weiß ich auch, dass alle meine Schatten blutrot sind und mich für immer begleiten werden wie ein eiskalter Feuerhauch.
Auch Fiora wird immer da sein. Am Tag und in schlaflosen Nächten. In schlaflosen Ewigkeiten wird sie mir ihren Geist einhauchen, der über den Wassern schwebt wie der Wind des Meeres, der in Málaga mit seinem salzigen Atem über die Fische streift.
Wir redeten kurz miteinander. Über belanglose Dinge. Ihr Blick sprach zu mir. Ihre schwarzen Augen in dem schneeweißen Gesicht, das aussah, als wäre es vollkommen blutleer. Eingerahmt von ihrem fließenden schwarzen Haar zog sie mich in ihren Bann. Ich wusste vom ersten Moment an, dass ich alles für sie tun würde.
Wir gingen in ein Hotelzimmer. Ihre Haut war weich. Weiß und kühl. Sie schmeckte salzig. Die Nacht war heiß, die Glut des vergangenen Tages lag noch in der Luft, während wir uns liebten. Ihre Fingernägel bohrten sich in mein Fleisch, während ihre Schenkel mich gefangen hielten. Es war, als würden kleine Splitter aus Eis in meine Haut eindringen. Trotzdem war es ein berauschender Liebesakt. Ihre Arme, ihr Haar und ihr Stöhnen umfingen mich wie ein Fischernetz. Ich fühlte mich gleichermaßen verloren und geborgen. Ihre heißfeuchte Weiblichkeit hielt mich umklammert. Ihre Venuslippen zogen mich in ihren Körper, ergriffen von mir Besitz und schienen mich verschlingen zu wollen. Ich verlor mich in meiner Leidenschaft, und erst viel später - zu spät - erkannte ich, dass sie nicht atmete, als sie kam.
Wir tränkten die Laken mit unserer lustvollen Gier. Dann versetzte Fiora mich in einen rauschhaften Schlaf. Mir schwanden die Sinne, während ich noch spürte, wie sie mir einige Worte zuhauchte.
Heute erzittere ich, wenn ich an ihre eiskalte Stimme denke und an das, was sie zu mir sagte.
Als ich erwachte, war sie weg. Ich war nackt und fühlte mich erschöpft. Ich hatte nur wenig Schlaf gefunden. Draußen wurde es gerade Morgen. Die Sonne stand über dem Horizont und legte die Bucht vor dem Hotel in ein Zwielicht aus Nacht und Tag, das nichts von dem freundlichen Licht des Südens an sich hatte. Die Luft war kühl, es wehte ein leichter Wind. Ich trat auf den Balkon und atmete durch. Der Atem brachte mir keine Erfrischung. Ich kehrte ins Zimmer zurück, um mir starken schwarzen Kaffee zu bestellen.
Fiora hatte mir eine Nachricht hinterlassen: Mi sangre está dentro de ti. - Mein Blut ist in dir.
Darunter stand eine Adresse in Málaga. Und ein Name: Arturo.