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Alle Jahre wieder
Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest
Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken
Edition www.online-roman.de
ISBN 3-9809336-4-4
Oktober 2005
123 Seiten
8,90 Euro (D)   9,20 Euro (A)
Alle Jahre wieder ... wollen Menschen Weihnachtsgeschichten lesen.
18 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und Namibia präsentieren das Weihnachtsfest aus unterschiedlichen Perspektiven. Mal festlich, mal ernst, mal besinnlich, heiter, fröhlich ...
Alle Jahre wieder Kurzgeschichten zum Weihnachtsfest. Dr. Ronald Henss Verlag, 2005. ISBN 3-9809336-4-4  120 Seiten, 8,90 Euro

Inhalt -- Leseprobe
Karl-Heinz Ganser: Der geklaute Weihnachtsbaum
In zwei Wochen war Weihnachten. Das erste Fest nach dem schrecklichen Krieg.
Ich war damals gerade elf Jahre alt und hoffte insgeheim, dass es nun richtige und große Geschenke geben würde. Aber als ich meiner Mutter den Zettel mit meinen Wünschen zusteckte, sah sie mich traurig an und schüttelte nur ihren Kopf. Der Krieg war zwar zu Ende, aber ich ahnte, dass sich für mich doch nicht viel geändert hatte.
Eines Abends unterhielten sich meine Eltern darüber, dass dieses Jahr wohl kein Weihnachtsbaum aufgestellt werden könnte. Rund um unser Dorf waren alle Wälder vermint und es war zu gefährlich, einen Baum zu schlagen.
Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass wir Weihnachten ohne einen Tannenbaum feiern sollten.
Eleonore Nickolay: Der Mantel
Als Kalle vom Klo kam, sah er den roten Mantel am Rande der Waschbeckenreihe auf der schmalen, gefliesten Ablage liegen, sorgfältig in der Hüfte gefaltet, so dass er nicht mit dem verdreckten Boden in Berührung kam. Draußen hatte sich der makellose Neuschnee bereits in klumpigen Matsch verwandelt, der in den tiefen Rillen der Wintersohlen festpappte, um schließlich in Räumen wie diesem hier schmutzigbraune Lachen zu hinterlassen.
Der Gedanke, den Mantel zu klauen, kam ihm augenblicklich. Sofort meldete sich eine innere Stimme, die er für die seiner Mutter hielt, obwohl er schon lange nicht mehr wusste, wie ihre Stimme klang. Sie sagte energisch, es sei doch völliger Unsinn, was er da vorhabe, konnte ihn aber nicht davon abhalten, sich in den folgenden Minuten so zu benehmen, als gehöre Diebstahl zu seinem Tagwerk. Vorsichtig begab er sich zum letzten Becken. Beim Händewaschen schielte er mit gesenktem Kopf mal nach rechts, um sich zu vergewissern, dass der Mantelbesitzer nicht erschien, mal nach links, um den Mantel genauer zu betrachten.
Anne Frisch: Die Bräute von Tobago
Ich war schon ziemlich erledigt, als wir eincheckten. Mit diesem Trubel hatte ich an einem 23. Dezember nicht gerechnet. Zu Hunderten tummelten sich die Reisewilligen in der Abflughalle; es brummte und summte wie in einem Insektenstaat und ich hatte alle Mühe, den Kleinen im Gedränge nicht zu verlieren.
Wenigstens waren wir jetzt unser Gepäck los. Noch drei Stunden bis zum Abflug, es hatte noch keine Eile, die Kontrollen zu passieren. Ich würde drei Kreuze schlagen, wenn der Flieger endlich abhob und Kurs auf die Karibik nahm.
Joschi entpuppte sich allerdings als Klotz am Bein. In dem Bemühen, sich im Gedränge möglichst dicht bei mir zu halten, klammerte er sich an meinem Rucksack fest, den ich nur locker über die Schulter trug. Dabei riss er ihn herunter und ich stolperte vor Schreck, weil ich dachte, jemand versuche ihn zu klauen.
"Lass das!", schnauzte ich und Joschi blieb erschrocken stehen, womit er sofort einen Menschenstau hinter uns auslöste. Natürlich fuhr mir auch noch einer mit dem Gepäckwagen in die Hacken. Ich packte Joschi ziemlich unsanft am Arm, schubste ihn auf eine Bank, ließ ich mich auf den Platz neben ihm fallen und stellte mir einen seligen Augenblick lang vor, jetzt in einem Sessel der Business Class über den Wolken zu schweben. Alleine.
Kiané Novinshoar: Das Fest der Liebe
Ich weiß nicht, warum ich mich breitschlagen ließ, über Weihnachten mit in dieses Haus am Meer zu fahren, weiß es wirklich nicht. Als ich aus dem frühlingshaften Melbourne zurückkehrte, war bereits der erste Advent, die Startzählung zum größten gesellschaftlichen Showdown des christlichen Abendlandes hatte begonnen, und ich war noch nicht bereit.
Ich rede nicht vom Geschenkerummel, vom Weihnachtsbaum und vom Adventsgesteck, das sind nur Äußerlichkeiten. Ich rede von der Notwendigkeit, im sozialen Ranking zu bestehen, Farbe zu bekennen, bei Kerzenschein und Lebkuchen. Mir wurde schnell klar, dass ich in diesem Jahr noch nicht einmal eine Dreihundert-Kilometer-Fernbeziehung vorzuweisen hatte, seit ich mich vor dem Australien-Urlaub von Mark getrennt hatte, geschweige denn geniale Kinder, ein Häuschen im Grünen, eine atemberaubende Karriere.
Hoffnungsloser als ich war eigentlich nur noch meine Freundin Betty. Seit ihre große Liebe Olli sie verlassen hat, begibt sie sich jedes Jahr pünktlich zum vierten Advent in den Skiurlaub, ganz allein. Offizielle Begründung: Sie findet das Fest überbewertet, und wenn es denn sein müsste, käme sie mit Bergpanorama und Schnee schon besser in Stimmung.
Ingrid Kubisch: Dem Weihnachtsmann lüftet sich die Kapuze
Das Telefon klingelte. Werner ließ den Stiefel fallen, angelte nach dem Hörer und säuselte "Susanni, susanni, susanni ..."
"Bist du bald so weit?" Es war Joe, sein Schwager und Vater von sechs Gören, die er, Werner, heute als Weihnachtsmann zu bescheren hatte.
"Wenn alle fünf Minuten jemand anruft um zu hören, ob ich so weit bin, dann könnt ihr lange warten. Du bist jetzt der Dritte, der mich stört. Übrigens kannst du meiner Schwester ausrichten, dass ich meine normalen Schuhe anziehen werde. Diese Stiefel kommen aus der Zeit der Inquisition, das reinste Marterwerkzeug. Außerdem kann man mit diesem Wattebart keine Zigarette rauchen!"
"Lampenfieber, was? Mach bitte Dampf, die Kinder sind kaum mehr zu bändigen!"
"Kann ich dafür, dass du dich nicht zusammenreißen kannst und gleich sechs von der Sorte haben musst? Okay, okay", lenkte er beschwichtigend ein, "aber sorge dafür, dass das Bier kalt ist."
Friedhelm Rudolph: Weihnacht in Wangerland
Wir fahren auf der Autobahn in Richtung Norden. Der geflickte Asphalt nagt an den Stoßdämpfern, der Motor dröhnt gleichmäßig. Wiesen, Wälder und einsame Höfe ziehen an uns vorbei, die nasskalte Landschaft ist blass und menschenleer. Ab und zu überholt uns wie in wilder Flucht ein anderes Auto und verschwindet rasch hinter der nächsten lang gezogenen Kurve. Die Gegenfahrbahn ist verwaist.
Im Radio trällert Dean Martin sein Walking Through A Winter Wonderland. Du liest eine alte, schon ziemlich zerknitterte Ausgabe des Gabon-Matin, die du wie ein Leporello zusammengefaltet hast. "Où sommes-nous maintenant?", fragst du und hebst den Kopf.
"Sprich bitte Deutsch. Du weißt schon ..."
"D'accord. Wo sind wir?"
"Vechta. Riecht man doch. Dat stinkt as de Düvel sien Stert."
"Sprich bitte Deutsch", konterst du mit gespieltem Ernst.
Wir schauen uns an und müssen grinsen.
Antonia Stahn: Als Nikolaus den kleinen Felix rettete
Es ist der 5. Dezember. Wie in jedem Jahr fahren Mama, Papa, Fabian und Florian an diesem Tag in die Berge. Mehr als hundert Stundenkilometer schafft der alte VW-Bus nicht. Niemand ist deswegen böse.
"Zu einem schönen Urlaub gehört auch eine gemütliche Anreise, was meint ihr, Jungs?"
"Klar, Papa, uns ist nicht langweilig", versichert der sechsjährige Fabian. Florian, der Dreijährige, wiederholt "Tiar, nich landweldig, Papa."
Zurzeit findet Florian eben alles gut, was Fabian sagt oder tut. Doch jetzt möchte der Kleine auch mal den Dackel Felix auf dem Schoß halten.
"Du bist noch zu klein!"
"Nein, bin ich nicht!"
Hin und her fliegen die Worte, werden immer lauter. Mama setzt sich zwischen die Kinder. "Schluss, meine Herren", sagt sie ruhig.
Sofort sind die kleinen Streithähne still. "Schluss, meine Herren" sagt Mama nur wenn sie ärgerlich ist.
Elke Link: Der anonyme Weihnachtsbrief
Draußen schneite es schon den ganzen Tag. Es war fast dunkel, als Amelie ihren Hund Alysha vor die Tür schickte. Viel zu kalt war es, als dass Amelie es über sich gebracht hätte, mit nach draußen zu gehen. Nur einen Spalt weit öffnete sie die schwere Haustür, damit Alysha hindurchschlüpfen konnte.
"Komm schnell wieder", rief sie ihr nach.
Aber schon tat es ihr Leid, Alysha alleine hinausgeschickt zu haben, wo sie sich doch immer so freute, gemeinsam mit ihr im Neuschnee ein paar Runden zu drehen. Sie beobachtete wie Alysha, mit frischer Kraft und ihrer Spürnase voraus, den Schnee aufwirbelte und ein paarmal um den alten Apfelbaum herumlief, dessen Äste sich von der schweren Last des Schnees fast zum Boden neigten.
Amelie ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu holen. Die alte Kaffeekanne stand schon seit dem Morgen auf dem Kamin, sodass der Kaffee noch immer warm war.
Mit der Tasse in der Hand stand Amelie vor der großen Terrassentür, die sie im Winter nicht mehr öffnen wollte. Hier hatte sie alle großen Pflanzen hingestellt, damit sie überwintern konnten.
Karin Reddemann: Liebe Lüge im Schnee
Mein Großvater Ebsche Pittermann, Sohn eines Lokomotivführers und mit den hahnebüchenen Abenteuern aus einem klapprigen Zug-Cockpit aufgewachsen, konnte lügen, dass sich die Balken bogen. Sein eigenes Vergnügen an Geschichten, die nicht stimmten, ihm selbst aber großartig gefielen, war für ihn reine Regiearbeit. Schluckt's oder glaubt mir eben nicht, aber wenn nicht, beweist mir gefälligst das verdammte Gegenteil. Selbst Weihnachten war ihm nicht heilig. Zu meinem blanken Entsetzen, denn dass er mich derart derb angekrückt hatte mit seinen Krippenfiguren, konnte ich ihm damals nicht so leicht verzeihen.
Seine einmalige Art, mit der Wahrheit umzugehen, ist Legende. Heute raunt die Familie grinsend, wenn sie von Großvater Ebsche spricht: "Was der sich so alles ausgedacht hat …" Das habe ich nicht unbedingt schnell herausgefunden. Er erzählte mir, mal beim Zirkus Krone am Trapez gehangen zu haben, nur mit dem Mund. Und dann hätte er sich um die eigene Achse gedreht, schneller und schneller, während seine Zähne sich festgebissen hatten in der Kordel und er dort oben hing in zehn Metern Höhe ohne Netz. Das hatte mich aufs Schwerste beeindruckt. Natürlich war das erfunden.
Helmut Wemer: Brief nach Cincinnati
Liebste Sarah!
Vielen Dank für Deine netten Zeilen. Natürlich freue ich mich, dass Du es einrichten kannst, mich an meinem 90sten zu besuchen, denn außer Dir werden nur Leute kommen, an denen mir nicht so viel liegt. Der Bürgermeister, der Pfarrer, vielleicht auch der Direktor der Schule, wo ich über 40 Jahre als Lehrerin tätig war.
Heuer haben wir nach langem wieder einmal weiße Weihnachten. Auch heute, am Stephanitag, schneit es noch immer. Das erinnert mich daran, wie die Kinder des Dorfes damals im Schnee herumtollten und Dein Vater Dich hochhob, damit Du aus der Dachluke hinuntersehen konntest. Du sagtest: "Ich auch spielen" - und es brach mir fast das Herz. Ich ging hinunter und brachte einen Eimer mit Schnee herauf, und wir machten Schneebälle und bewarfen uns damit. Aus dem Rest baute Dein Vater einen kleinen Schneemann, aber der schmolz rasch und Du warst wieder traurig.
Silke Klaassen-Boehlke: Wie der Weihnachtsmann sein blaues Kostüm in ein rotes wechselte
"Wusstest du eigentlich", sprach der Großvater und zog seinen Enkel an die Seite, "dass unser Weihnachtsfest seinen Ursprung am 25. Dezember 217 hatte?"
Niklas schüttelte den Kopf und krabbelte auf den einladenden Schoß seines Opas. "So alt ist Weihnachten schon?", antwortete er neugierig und schmiegte sich an Opas dicken Bauch.
"Ja, und ich kann dir auch erzählen, warum der Weihnachtsmann vor ganz langer Zeit ein blaues Kostüm trug. Hast du Lust auf eine kleine Geschichte?"
Der Großvater griff zum Beistelltisch, bot seinem Enkel ein Glas Cola an, nahm sich selbst seinen Glühwein, prostete Niklas zu und trank einen genießerischen Schluck. Niklas nickte erwartungsvoll, denn er mochte Geschichten von seinem Großvater.
"Pass auf!" Opa begann zu erzählen. "Es ist alles wahr, was ich dir jetzt erzähle. Der Papst ist ja nun gestorben, doch lange Zeit vor ihm gab es auch schon einen Papst. Der hieß Felix der Erste, und der erklärte den 25. Dezember 217 zum Geburtstag von Jesus Christus.
Christiane Weber: Der Himmel ist heruntergefallen
Dicke Schneeflocken fallen aus dem grauen Himmel. Bing Crosby singt wieder einmal sein unverwüstliches White Christmas. Meine Tränen rinnen wie kleine Perlen an den Wangen herunter. Das letzte Mal ... hämmert es unaufhörlich hinter meinen Schläfen. Ich ziehe die Vorhänge zusammen, kann das Leben von draußen nicht mehr ertragen. Sie lachen, lärmen oder fangen die Schneeflocken fröhlich ein. Am liebsten würde ich das Fenster aufreißen und schreien. "Hört auf zu leben, hier oben wird gestorben!" Aber ich zwinge mich an etwas anderes zu denken, überlege, was ich als Nächstes tun kann. Ich stehe auf, gehe in ihr Zimmer.
"Da bist du, meine Liebe", flüstert sie und lächelt. Ich versuche zurückzulächeln. Es gelingt mir nur mühsam. Ich setze mich auf das Bett. Es riecht nach Desinfektionsmitteln und Seife.
Hannelore Sagorski: Alle Jahre wieder …
Der Heilige Abend war für mich der wichtigste und schönste Tag im Jahr. Dieser Tag wurde bei uns immer ruhig und besinnlich gefeiert. Es gab nur ein Geschenk pro Kind, aber alle Familienangehörigen waren an diesem Abend versammelt, vom Kleinkind bis zu den Großeltern. Am liebsten habe ich meinen Großeltern zugehört, wenn sie von ihren Weihnachtserinnerungen erzählten. Wie sie sich gefreut haben, über eine Strohpuppe oder ein kleines Holzpferd! Das Leuchten in ihren Augen ließ erahnen, wie groß die Freude war.
Früher habe ich mich in der Schule immer geschämt, wenn meine Mitschüler die vielen Geschenke aufzählten, habe dann mit schlechtem Gewissen ein paar dazu erfunden. Irgendwann habe ich mal erzählt, wie Weihnachten bei uns wirklich gefeiert wird. Alle Kinder hörten ganz still zu, und dann sagte ausgerechnet der Junge, der immer die größten Geschenkeberge vorweisen konnte, ganz leise und traurig: "So ein Fest möchte ich auch mal feiern. Bei uns gibt es immer Stress. Der Heilige Abend endet fast immer mit Streit und Tränen." Ab diesem Tag konnte ich unser Fest noch mehr genießen.
Eva Markert: Das Weihnachtsalbum
Weihnachten war Gabriele immer sehr wichtig gewesen. Schon Wochen vorher fing sie an, die Wohnung zu schmücken, zu backen und Geschenke zu besorgen. Im Laufe der Zeit hatte sie viele Familientraditionen geschaffen, die nicht mehr wegzudenken waren. Zumindest für sie nicht.
Und nun das! Sie seufzte. Noch nie war Weihnachten so wenig weihnachtlich gewesen. Kurz hatte sie sogar mit dem Gedanken gespielt, keinen Christbaum aufzustellen. Aber dann sagte sie sich: „Jetzt erst recht!“, suchte eine schöne Tanne aus und schmückte sie reichlich mit Goldlametta, roten Kugeln und Schleifen. Richtig gemütlich wollte sie es sich machen. Es fehlte nichts, außer dem Marzipan.
Der Weihnachtsbaum sah prachtvoll aus. Aber es war nicht leicht, sich daran zu freuen, wenn man allein davor saß. Sie nahm einen großen Schluck Glühwein, schaute in die Kerzen und merkte, wie sich das Licht verflüssigte. Schnell kniff sie die Augenlider zusammen.
Patrick Alexander Kostka: Weihnachten 2004
Als ich ihn das letzte Mal sah, ging es ihm gar nicht gut. Eine Winterdepression hatte Adam heimgesucht, so würde wohl die Diagnose der Ärzte lauten. Aber er war eigentlich nicht der Typ für eine Depression. Er wirkte immer ausgelassen und fröhlich, war stets die Stimmungskanone in unserer Clique. Eine Depression kann jeden treffen, las ich im Internet. In diesem Fall auch Adam. Ich schaltete den Computer ab und versuchte mich zu erinnern.
Wann hatte die Depression bei Adam zugeschlagen? Es war kein plötzliches Auftreten, nein, vielmehr war es eine schleichende Revolte. Irgendetwas war mir in den letzten Wochen bei ihm aufgefallen, er wirkte einfach nicht mehr so antriebsvoll, hatte nicht mehr so viel Spaß an seinen Dingen. Doch auf eine Depression zu schließen, das kam mir nicht in den Sinn. Als dann auch noch das Wetter sich tagelang von seiner nebligsten und trübsten Seite zeigte, da mochte Adam gar nicht mehr aus dem Hause gehen. Er meldete sich krank und gab als Grund Kopfschmerzen an. Sein Arbeitgeber war erstaunt, denn Adam war in den 15 Jahren, die er bei der Firma arbeitete, noch nie krank gewesen.
Sabine Ludwigs: Der Engel im Heuhaufen
Eigentlich fand Jonas, dass Fyn zu nichts zu gebrauchen war. Er hatte eine Glatze. Außerdem lag er nur da und schlief oder schrie.
Flugs kam Mama angelaufen, nahm Fyn aus dem Bettchen und drückte ihn Jonas in den Arm. Und dann passierte was Komisches: Das Baby griff nach Jonas' Nase und lachte laut und zufrieden. Wenn er lachte, meinte Jonas, dass Fyn doch ein ganz besonderes Brüderchen sei, weil das Gejauchze ihn froh machte.
"Ein Glück, dass ich dich habe, mein Großer", sagte Mama in solchen Momenten und strich ihm über den Kopf. "Du bist ein toller Bruder und Fyn spürt das."
Jonas wurde es jedes Mal ganz warm ums Herz, wenn Mama das sagte. Er fühlte, dass er Fyn richtig lieb hatte. Auch wenn der Kleine eigentlich zu nichts zu gebrauchen war und er nicht mit ihm spielen konnte. Aber dafür hatte er ja Christopher, seinen allerbesten Freund.
Rainer Kodritsch: Rosalindes Bescherung
Wie schnell es dämmrig geworden ist. Gerade war es noch Mittag. Aber die Zeit vergeht immer so rasch, wenn ich den Flocken vorm Fenster zuschaue. Wie sie herumwirbeln und aufstieben, wenn der Wind in sie hineinbläst. Als Kind hab ich das schon immer gemocht. "Rosalinde", hat Mama dann immer gesagt, "Rosalinde, stiehl dem Herrgott nicht die Zeit. Was starrst du Löcher in die Luft? Mach deine Schulaufgaben! Oder hilf wenigstens deinem Bruder Geschirr abtrocknen!" Ja, das hat sie gesagt. Oder irgendwas in der Art, wenn ich zu lange aus dem Fenster geguckt habe. Was sie wohl jetzt sagen würde, wenn sie noch am Leben wäre? Seit den frühen Morgenstunden schneit es schon so. Langsam wachst das Fensterkreuz zu. Ob es deshalb so düster im Zimmer geworden ist? Ach, Unsinn, es ist schon spät, das ist alles. Im Dezember ist das normal.
Ob Peter heute kommt? Wenigstens heute sollte er kommen. Wenigstens am Heiligen Abend. Früher, da war er ganz anders, da ist er nach der Arbeit gleich nach Hause gegangen. Aber jetzt, jetzt kommt er nur noch ab und zu. Ich weiß nicht warum.
Andrea Spakowski: Das Weihnachtslied der Wildnis
"Weißt du eigentlich, was das Schönste an der kanadischen Weihnacht ist?", fragte Mike und sah mir lächelnd ins Gesicht. Zögernd schüttelte ich den Kopf und wartete auf eine Antwort. Es war das erste Weihnachtsfest, das ich nicht daheim mit meinen Eltern in Deutschland verbringen sollte. Gerade mal fünf Wochen war es her, dass ich Mike in die kanadische Wildnis gefolgt war.
Eigentlich hatte ich nur den Sommer über ein Praktikum für mein Studium in Kanada machen wollen. Doch als Mike und ich uns während dieser Zeit begegneten, war bald klar, dass ich länger bleiben würde. Mike war ein ganz besonderer Mensch. Das war mir gleich bei unserer ersten Begegnung aufgefallen. Seine Art, die Dinge zu betrachten, hatte etwas Magisches, fast schon Mystisches und öffnete mir das Tor zu einer anderen Welt. Einer Welt so einfach und schlicht wie sie sich jeder wünschte und doch kaum einer wollte. Für Mike gab es keine Gegensätze wie Reichtum und Armut, Treue und Verrat, Stärke und Schwäche oder Mut und Feigheit. "Gegensätze spalten die Menschen in zwei unterschiedliche Lager, zwischen denen eine schier unüberwindbare Kluft liegt.
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