Inhalt, Leseprobe
© Dr. Ronald Henss Verlag
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Erzähl mir was von Afrika
Edition www.online-roman.de
Herausgegeben von Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag, 2005
ISBN 3-9809336-2-8
139 Seiten
8,90 Euro (D)
Inhalt, Leseprobe
Afrika - dunkel, geheimnisvoll und faszinierend.
Dieses Buch enthält eine Auswahl der besten Beiträge zum Kurzgeschichtenwettbewerb "Afrika".
14 Kurzgeschichten zeigen die Faszination des "Schwarzen Kontinents" aus unterschiedlichen Perspektiven. Geographisch umspannen sie den Kontinent von Nord nach Süd und von West nach Ost, von Ägypten bis Südafrika, von Guinea bis Kenia. Auf der Zeitachse reichen die Geschichten von den Anfängen der Menschheit bis in die Zukunft. Sie erinnern an dunkle Kapitel der Vergangenheit und sie beleuchten das afrikanische Alltagsleben und Probleme der Gegenwart.
Carmen Caputo: Nagobi und ihre Täume
Unbarmherzig brannten Sonnenstrahlen auf die staubbedeckte Erde Namibias und ließen die Luft vor Hitze flimmern. Seit Monaten hatte es nicht mehr geregnet. Die Trockenheit hatte die Hirsefelder zerstört, auch Jams und Maniok, und erschwerte das ohnehin mühselige Leben noch mehr.
Nagobi saß im Schatten der Holzhütte und sah den klaren Himmelszügen nach. Nein, Regen würde es auch die nächsten Wochen nicht geben, hatte Großvater gesagt, nicht mit diesem Himmel, nicht mit diesem Blau.
Nagobi dachte nicht weiter darüber nach. Sie hatte andere Gedanken in ihrem kleinen, dunklen Mädchenkopf.
In ihrem Schoß lag ein kleiner angeschmuddelter Schreibblock, der einzige Reichtum, den sie besaß. Sie schrieb gerne, die Handschrift zog flüssig über die durchgezogenen Linien, worauf sie sehr stolz war. Der Bleistift war alt und abgenutzt, nur kurze Zeit würde sie damit noch schreiben können. Geld, um einen neuen Stift kaufen zu können, besaß sie nicht.
Didier: Babas Balle
Man kann beim besten Willen nicht behaupten, dass er ein besonders sympathischer Junge war, der kleine Baba. Dafür war er viel zu sehr von sich selbst überzeugt und das, was man eine große Klappe nennt, gesellte sich, wie meistens in solchen Fällen, noch dazu. Er war nicht der typische Loser und das wusste er. Und ich auch. Wenn ich mir meine Volleyballmannschaft zusammenstellte, sicherte ich mir gern Babas Künste. Zugegeben, er spielte zu eigensinnig, drosch den Ball immer gleich rüber anstatt "passe" zu spielen, wie das Zuspiel auf Französisch heißt. Aber im Gegensatz zu den anderen Kleinen, die unbedingt immer mitspielen wollten, bekam er den Ball wenigstens über das Netz. Seine Selbstsicherheit half ihm dabei. "La balle m'aime et moi, j'aime la balle!", erklärte mir Baba mit stolz geblähter Brust einmal nach einem wunderbar herausgespielten Punkt. Ich sehe ihn noch heute vor mir: seinen meist unbekleideten, drahtigen Oberkörper, seine kurzen, schwarzen Locken, sein breites, weißes Grinsen, seine schmuddelige kurze, rote Sporthose. Schwer zu sagen, wie alt Baba war, vielleicht zehn. Die afrikanischen Kinder bleiben ja oft länger klein und schmächtig, weil die guineischen Reisgerichte manchen Wunsch des wachsenden Kinderkörpers unerfüllt lassen. Aber zum Volleyballspielen reichte es allemal.
Anne Grießer: Die Geschichte vom unglaublich fruchtbaren Opa Yongai
Als Kinder fürchteten wir uns sehr vor Opa Yongai. Nicht dass er jemals etwas Böses zu uns gesagt hätte, überhaupt erhob er niemals seine Stimme, lächelte stattdessen freundlich, wenn wir an seiner Hütte vorüberhuschten. Er saß bei Tag und Nacht auf seiner Veranda, wo er aß, im Sitzen schlief, Geschichten erzählte und schließlich starb. Manchmal hob er langsam die Hand und winkte uns zu, doch ich sollte elf Jahre alt werden, bis ich mich zum ersten Mal in seine Nähe traute.
Es waren die Vögel, vor denen ich mich am meisten fürchtete. Ständig flatterten und piepsten sie rund um Opa Yongais Kopf, besonders wenn gerade junge Regendommler geschlüpft waren. Sie schissen auf die Veranda, auf die Kleider meines Großvaters, auf sein verfilztes Haar.
Sie schleppten in ihren Schnäbeln lebende und tote Würmer heran, um ihre Jungen damit zu füttern. Und Opa Yongai bewegte sich nie, er war wie ein Baum mit einer mächtigen, wirren, grauhaarigen Krone.
Birge Laudi: Das Buschmannohr
Theo hockte zwischen Umzugskisten in der fast leer geräumten Wohnung seines Großvaters und sortierte Bücher. Wählte, welche er mitnehmen wollte. Legte beiseite, die nicht in sein Interessengebiet fielen.
Theos Großvater war vor ein paar Tagen gestorben. In hohem Alter. Er war Arzt gewesen. Die Großmutter wurde seit Jahren in einem Heim betreut. Sie litt an der Alzheimer Krankheit.
Theo hatte seine Großeltern sehr geliebt, doch es hatte Themen gegeben, die er zeit ihres Lebens kaum zu berühren wagte. Sprach er vom Dritten Reich, von Mitschuld und vom 'Das müsst ihr doch gewusst haben', da zogen sich die Großeltern zurück, zurück in die Gegenwart: "Sind wir doch froh, dass diese Zeit vorbei ist" und "was bringt es, immer darüber zu reden" und "am besten, wenn man das alles vergisst". Theo und seine Geschwister hatten es bald aufgegeben dieses Thema anzuschneiden.
Hassan Aftabruyan: Als uns Kalal vom Staub erzählte
Hier ist überall Staub. Es ist wirklich Staub, kein Sand, sondern feiner Staub, der sich festsetzt. Wie in Westernfilmen, in verlassenen Städten.
Aber ich bin hier in keiner Stadt. Manu bin ich und im Nirgendwo gelandet.
Und dort habe ich nur ein Ziel: Irgendwohin zu kommen.
Das Lager sah gar nicht schlimm aus. Einfache Hütten und kleine Waschstellen sind nebeneinander. Aber es fühlte sich schlimm an. Als wir nahe genug waren, konnten wir die traurigen Augen der anderen spüren. Augen sieht man eigentlich, wie zum Beispiel die Augen meiner Großmutter. Sie schaute mich immer an, wenn es draußen kalt war oder wenn ich Angst hatte.
Ich konnte die Augen meiner Großmutter nicht mehr sehen, als sie starb. Sie wurde von einem Soldaten von hinten in den Kopf geschossen. Einfach so. Weil sie ihm seine Schuhe nicht putzen wollte.
Regina Besting: Der Mann auf dem Dach
Der Falke sitzt auf dem Dach. Schweigend, observierend. Sie nennen ihn den Falken weil er bevorzugt von hohen Positionen aus arbeitet. Er ist gut. Nicht der Beste, aber ausreichend für diesen Job. Der Beste wäre vermutlich sowieso ungeeignet gewesen, dieses Mal. Und wozu unnötig Geld ausgeben?
Er wartet, den Rücken gegen die überstehende Hausmauer gelehnt, die Beine leicht angewinkelt, die Füße beide fest auf dem Boden. Er betrachtet die kleinen weißen Kieselsteine, die auf der Teerdecke verstreut wurden. Seine Schuhe haben leichte Spuren hinterlassen. Es sind die einzigen hier oben. Vor ihm hat vermutlich noch nie jemand das Dach betreten, von den Bauarbeitern vor zwanzig Jahren einmal abgesehen. Doch lange wird das nicht so bleiben.
Christiane Stüber: Sinnverkehr(t)
Eine Wolkendecke - halb Nebel, halb Luftverschmutzung - verhüllt den Berg. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast vergessen, dass er sich dort inmitten der Stadt erhebt. Manchmal vergisst man es tatsächlich für ein paar Tage, weil es hier unten im urbanen Tal so viel Zerstreuung gibt. Die Kapstädter sagen, dass der Berg ihr Ruhepol ist, dass sie nur ihm ihre entspannte Art zu verdanken hätten. Man spricht hier gern von Energien und geheimnisvollen Kräften. Das gehört genauso zum Alltag wie zertrümmerte Fensterscheiben und durchstochene Reifen.
Kapstadt ist meine neue alte Heimat. Nach einem Jahr in Deutschland bin ich hierher zurückgekehrt. Dabei hatte ich mit diesem Land und seinen Menschen bereits gründlich abgeschlossen. Ich hatte mich in Berlin sehr wohl gefühlt und die Stadt mit dem massiven Berg, dem Ozean drum herum und meiner zerbrechlichen Liebe nicht einmal besonders vermissen wollen. Doch als ich eines Abends allein am menschenleeren S-Bahnhof Bellevue stand, hat sich etwas in mir herumgedreht.
Margit Breuss: Nachbarn
"Fadi", ruft Amina aus der Hütte, "lass die Nassara in Ruhe!"
Noch immer zucke ich zusammen, wenn ich unumwunden "Nassara" genannt werde: "Weiße". Jedes Mal werde ich mit der Nase auf das gestoßen, was offensichtlich ist: Ich bin anders. Doch eine "Andere" zu sein oder als solche bezeichnet zu werden, ist nicht dasselbe. Und Fadimatou besteht darauf, mich bemerkenswert zu finden.
"Aber Mama", ruft sie in die Hütte, "die Nassara trägt den Kochtopf wie ein Baby."
Ich starre auf den Topf mit Reis, den ich in den Händen halte.
"Fadimatou", sagt Amina, tritt aus der Hütte und fasst ihre Tochter am Arm, "sie kann nichts dafür. Ihre Haare sind einfach zu rutschig."
V. Groß: Die Geister Afrikas
Eigentlich kann ich sagen, dass ich die Trommeln Afrikas schon immer vernommen habe. Als Kind bereits, wenn ich, wie vielleicht jedes Kind, von großen Abenteuern in weit entfernten Ländern träumte. Und auch dieses schwarze Mädchen, um das sich meine Geschichte in gewisser Weise dreht, habe ich schon immer gesehen.
Mein Name ist Jim, Jim Locke, und als meine Reise begann, war ich gerade 14 Jahre alt. Meine Eltern waren beide gestorben und mein Patenonkel, der mich zu sich genommen hatte, war kein besonders herzlicher Mann. Vor Jahren schon hatte man ihm wegen der Schulden sein Geschäft, das er als Färber von Stoffen betrieben hatte, genommen, und nun suchte er Trost im Alkohol, war verbittert und mürrisch. Ständig beklagte er sich darüber, dass er mich durchfüttern müsse,
Susanne Weinhart: Malesch, Mädchen
Geisterschiffe auf dem Nil. Nach dem Terroranschlag der Islamisten in Kairo vom Dritten kreuzten nur noch fast leere, blitzende Motorschiffe auf der braunen Suppe; die langärmeligen, safaribeigen Personen an Deck erschienen vom Ufer aus wie Leprakranke, die man nicht mehr an Land lassen wollte. Ein dahintreibender Zauberberg, Davos mit Schwimmflügeln.
"Die riechen förmlich nach Malariaimpfung", meinte mein Vater. Weicheier, hieß das. Auch beim Essen im La Palme d'Or waren wir fast eine Viertelstunde das Knetspielzeug von zwei Polizisten, die allein durch ihr Rasierwasser einen Raum schachmatt halten konnten. Der eine Polizist jonglierte mit meinen Tampons aus dem Camelbak, der andere richtete seine Wumme auf einen jung wirkenden Polen, der eben ein ägyptisches Baby abgelichtet hatte.
Mila Carnel: Fräulein Afrika
Liebe Tilda,
dann will ich dir also noch einmal schreiben, bevor ich nach Deutschland komme, und will versuchen, deine Fragen zu beantworten. All die Zeitungsausschnitte über mich hast du gesammelt! Ich werde dich in Berlin besuchen, vielleicht magst du ja mit an den Rhein kommen; warst mir immer eine gute Freundin und ich wüsste dich gerne beim Festakt an meiner Seite, wenn Herr Adenauer mich um meine Arbeit ehrt.
Wie das also zuging?
Von dem Fred musste ich weggehen, als er sich mit seiner Frau aussöhnte. Sie war plötzlich wieder da, nachdem sie ihn mit so viel Drama verlassen hatte. Er machte mir eine "anständige Erklärung", wie er es nannte, damit jeder wusste, woran er war.
Keno tom Brooks: Briewe uit Namibia #12 Bruder Johannes
Johannes saß auf dem nackten, festgetretenen sandigen Boden seines Steinhauses. Das Haus stand in einer langen gleichförmigen Reihe anderer Häuser, die wie die Glieder einer ineinander verwobenen Kette vom Stadtrand Swakopmunds in die Wüste hinaus reichten. Es bestand nur aus zwei Räumen mit kleinen glaslosen Fenstern, die die Wüstenhitze in stetigem Luftstrom ins Haus ließen. Ein Regal mit ein paar alten Töpfen auf den verstaubten Brettern, ein schon lange nicht mehr benutzter Holzherd und ein paar Decken waren alles, was Johannes besaß.
Den Slum der Armen, die Mondesa, konnte man direkt von der einzigen Zufahrtstraße nach Swakopmund, der "Kaiser-Wilhelm-Allee", sehen. So hatte die Regierung Häuser in der Mondesa errichten lassen um den zahlungskräftigen Touristen nicht schon bei der Anfahrt den Urlaub zu verderben. Die Armut wurde hinter Steinfassaden versteckt, aber die Menschen lebten nicht besser als vorher in ihren Hütten aus Pappe und Blech.
Anja Labussek: Ein letztes Mal -- In Memoriam Karen (Tania) Blixen
Wenn es auf dieser Welt einen Ort gibt, der die Bezeichnung "vollkommen" verdient, dann ist das für mich der Gipfel des gewaltigen Ngong-Gebirges. Wie oft habe ich in den letzten siebzehn Jahren dort oben gestanden und meinen Blick schweifen lassen: Unter mir reichte weites Grasland bis hin zum Fuß des Kilimandscharo, auf der anderen Seite erstreckte sich die dürre Mondlandschaft der afrikanischen Tiefebene. Es war ein imposantes Farbenspiel aus Gelb-, Grün- und Brauntönen, in dem jedes Detail seinen tiefen Sinn hatte. Immer, wenn ich dort stand, überkam mich das Gefühl einen Blick in die Seele Afrikas zu werfen.
An diesem Augustnachmittag des Jahres 1931 war jedoch etwas anders, als ich wieder hinaufstieg.
Raiko Milanovic: Der Blick nach Süden
Ich folgte dem alten Pfad durch die warme Nacht, bis ich an Großvater Apudos Zaun stieß. Hier kam ich nicht weiter, das wusste ich ja, aber meine Füße kannten den Weg, am Zaun entlang bis an das Tor.
"Mzee", rief ich, "mach auf! Ich bin zurück!"
Licht flammte auf, eine Tür öffnete sich und Großvater lugte zur Tür heraus. Die Tür ruckte noch einmal und flog auf, dann rannte Akinyi heraus.
"Mzee, mach auf, mach auf! Es ist Mgeni!" Sie lachte und tanzte vor dem Tor, bis der alte Mann kam zu öffnen.
"Mgeni, wie schön! Seit wann bist du zurück?"
Ich kam nicht weiter als "Gut" zu sagen, weil Akinyi versuchte an mir hochzuklettern. Sie ließ von mir ab und rannte ins Haus um Jibu zu holen.
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